8 sconds
Die Berliner Fotografin Sarah Johanna Eick unternimmt in ihrer neuen
Werkserie „8 seconds“ den Versuch, die Flüchtigkeit des Moments
fotografisch einzufangen und gleichzeitig philosophisch zu hinterfragen.
Der Titel rekurriert auf Platon, von dem die Aussage überliefert ist, die
Gegenwart sei acht Sekunden lang. Hierauf beruft sich auch der
Filmemacher Ömer Faruk Sorak in seinem Spielfilm „8 Sekunden. Ein
Augenblick Unendlichkeit“, der ab Oktober in die deutschen Kinos
kommt.
In „ 8 seconds“ geht Sarah Eick Fragen nach dem Jetzt nach. Was ist das
Jetzt? Wie lange dauert es an? Ist alles Gegenwart? Wie bewegt sich das
Jetzt mit uns fort? Denn von diesem flirrenden Zeitpunkt aus denken wir
an die Zukunft und erinnern uns an das Geschehene.
Nie ist die Gegenwart statisch, immer begleitet sie uns auf einer
kontinuierlichen Zeitachse. Und doch ist da dieser Wunsch, Jetzt-
Momente festzuhalten, aus dem Strom des Zeitkontinuums
herauszulösen und für sich stehen zu lassen - besonders wenn es sich
um schöne Momente handelt.
Konkret sammelt Sarah Eick seit 20 Jahren in ihrem Jahreskalender
erinnerungswürdige Augenblicke in Form von eingeklebten kleinen
Bildern. Diese hat sie nun acht Sekunden lang abgelichtet und somit aus
der Vergangenheit wieder in die Gegenwart geholt.
Durch die Langzeitbelichtung von acht Sekunden entsteht eine Dynamik
und Bewegung, die den Blick in die Tiefe sinken lässt. Vielleicht verweilt
man auch beim Betrachten der Fotos acht Sekunden lang?
Die Langzeitbelichtung aus der Hand versinnbildlicht mittels der weich
gezeichneten Konturen den Fluss der Zeit. Es entstehen traumähnliche
Bilder, in denen Realitätsresiduen nur noch wie ferne Erinnerungen zu
erahnen sind. Auch der intensivste Moment wird wieder flüchtig,
verflüssigt sich im Zeitstrom. Eine Atmosphäre der Stille, desInnehaltens vermittelt sich den Betrachtenden. Landschaften und Orte
scheinen vage auf, eine amerikanisch anmutende Tankstelle, ein Blick
aufs Meer, eine Alpenlandschaft? Bewusst vermeidet Sarah Eick klar
erkennbare, unverwechselbare Motive, auch konkrete Personen.
Die Unschärfe, die flirrende Bewegung hat für Sarah Eick einen
besonderen ästhetischen Reiz: „In dieser Welt voller KI und Perfektion
habe ich Sehnsucht nach etwas Unperfekten“; zugleich vermittele die
Unschärfe „mehr Optionen für die eigene Imagination“, sagt die
Fotografin.
In diesem Jahr ist Sarah Eick 50 Jahre alt geworden. Mit „8 seconds“ hat
sie sich ein besonderes Geschenk gemacht. Die Sammlung besonderer
Momente stellt eine einzigartige persönliche Arbeit da, einen Rückblick
auf das eigene Leben nach fünf Jahrzehnten.
Die Betrachtenden können Sarah Eick auf diese verdichtete Zeitreise und
Spurensuche begleiten. Die Unschärfe und semantische Offenheit der
Fotografien lässt aber auch zu, dass Andere unvoreingenommen in diese
Augenblickswelten eintauchen und ihre eigenen „besonderen Momente“
in ihnen wiederfinden können.
© Tanja Dückers, Berlin, im August 2024